EU Policy

EU-Einzelhandel minus 0,3 %. Brüssel hatte das Programm längst in der Schublade.

Eurostat wies für Februar einen Rückgang des EU-Einzelhandelsvolumens um 0,3 % im Monatsvergleich aus. Kurz darauf veröffentlichten die EU-Institutionen eine Roadmap, die den Einzelhandel als Wettbewerbsthema einstuft – die Rahmung war längst vorbereitet, die Daten kamen gerade noch rechtzeitig.

A crab in Victorian dress reads a Eurostat retail printout while EU officials behind him sign a Roadmap document.

Sir John Crabstone

Die Eurostat-Veröffentlichung für Februar erschien am 8. April. Das EU-Einzelhandelsvolumen fiel im Monatsvergleich um 0,3 %; der Euroraum verlor 0,2 %. Non-Food hielt sich im Gesamtblock stabil und gab EU-weit um 0,2 % nach. Die Jahresrate bleibt mit 1,7 % im positiven Bereich. Das Länderbild ist unschöner: Rumänien minus 6,8 % im Jahresvergleich, Slowenien minus 3,5 %, die Slowakei minus 2,4 %. Im Dezember hatte es ein Plus von 0,2 % gegeben; der Januar war flach; der Februar hat diese zarte Erholung wieder zunichte gemacht.

Das Programm war längst geschrieben.

Kurz nach der Veröffentlichung stellten die EU-Institutionen die One Europe, One Market Roadmap vor. Die Binnenmarktstrategie vom Mai 2025 hatte bereits sogenannte territoriale Lieferbeschränkungen – die Praxis großer Marken, Händler zur Abnahme über nationale Distributoren zu zwingen – unter den „Terrible Ten” der schädlichsten Binnenmarkthindernisse benannt. Die Roadmap führt diese Verpflichtungen fort. Der politische Stellenwert des Einzelhandels ist in der Hierarchie gestiegen.

Die Roadmap war choreografiert, nicht improvisiert. Der Jahresbericht zum Binnenmarkt und zur Wettbewerbsfähigkeit 2026, veröffentlicht am 30. Januar, hatte den Einzelhandel bereits in das Wettbewerbsdossier eingeordnet. Drei Dokumente in zwölf Monaten, jedes davon mit demselben Sektor in einer höheren Gewichtung. Das ist Inszenierung.

Im März definierten EuroCommerce und Uni Europa den Einzelhandel gemeinsam als „strategische Säule der EU-Wettbewerbsfähigkeit” und verwiesen auf 26 Millionen Arbeitsplätze, 5 Millionen Unternehmen und 10 % des EU-BIP. Die Rahmung wirkt heute zwingend. Die Daten haben sie nicht erzeugt.

Die Neudefinition verändert den Maßstab. Eine monatliche Einzelhandelszahl ist ein konjunkturelles Signal. Wird der Einzelhandel als Wettbewerbsfrage eingestuft – neben Halbleitern und sauberen Technologien –, wird das schwache Ergebnis zur Evidenz strukturellen Versagens, das der Binnenmarkt nicht korrigiert.

Was die Daten beschreiben, ist Konsumzurückhaltung. Christel Delberghe von EuroCommerce sagte das in einer gemeinsamen Notiz von McKinsey & Company und EuroCommerce zum Lebensmittelhandel im April klar: „Stabilisierung bedeutet keine Entlastung”, und das Konsumverhalten bleibe „hochgradig anfällig gegenüber Preisentwicklungen”. Das erfordert kein Programm – das erfordert Lohnwachstum.

Die politische Ökonomie des Rebrandings ist sauber. Brüssel gewinnt ein Portfoliothema; Verbände gewinnen Hebel für lang gehegte Beschwerden; Mitgliedstaaten erhalten eine Erzählung für das nächste schwache Quartalsergebnis. Jeder Akteur bekommt etwas. Der Einzelhandelsangestellte in Cluj oder Bratislava bekommt einen Vokabelwechsel.

Die Abschaffung territorialer Lieferbeschränkungen nützt Konzernen mit grenzüberschreitenden Einkaufszentralen weit mehr als der rumänischen Einkaufsstraße. Die Intervention beantwortet eine Frage, die die Daten gar nicht stellen.

Der europäische Einzelhandel steht unter Druck von zwei Seiten: Shein und Temu unterbieten beim Preis, Amazon und Zalando dominieren das Sortiment. Die Marge ist eingeklemmt zwischen Energiekosten, Compliance-Aufwand und sinkender Kaufkraft. Die Roadmap adressiert die erste Bedrohung durch schärfere Durchsetzung gegenüber Drittlandmarktplätzen. Den Rest regeln Lohnpolitik, Energiepolitik, Geldpolitik – und darüber hat Brüssel keine Kontrolle.

Der Retail Transition Pathway vom März 2024 hatte die meisten dieser Substanzpunkte bereits versprochen: Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Qualifizierung. Er wurde unter der vorigen Kommission abgeschlossen, von der Branche gelobt und hinterließ wenig messbaren Wandel. Die Roadmap recycelt diese Ziele unter einer dringlicheren Überschrift.

Der Einzelhandel wurde aus dem Ordner Dienstleistungen in den Ordner Industriepolitik verschoben. Das ist nicht dasselbe wie ihn zu reparieren.

Die Daten werden weiter erscheinen. Sie werden eine Weile schwach bleiben. Brüssel wird weiter an ihnen vorbeisehen.